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25.09.2018

Nachbericht 1. Bayerischer Therapiegipfel: Huml verkündet Schulgeldfreiheit in Bayern ab Februar 2019

Politik zeigt im Angesicht des Fachkräftemangels auch weitergehende Bereitschaft zur Unterstützung der Branche

Haar, 25.9.2018. Am 18.9.2018 hatten Bayerns beide großen physiotherapeutische Berufsverbände, PHYSIO-DEUTSCHLAND und VPT, die Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, sowie Vertreter aller Fraktionen zum 1. Bayerischen Therapiegipfel in den Landtag geladen. Vor dem Hintergrund des sich dramatisch zuspitzenden Fachkräftemangels wurden verschiedene Ansätze diskutiert, diesem entgegenzuwirken und den Beruf attraktiver zu machen. Alle Fraktionen machten einhellig deutlich, dass sie eine Aufwertung des Berufs für zwingend nötig halten. „Wir haben Ihre Berufsgruppe im Fokus, wir wollen da wirklich etwas tun“, verkündete auch Melanie Huml in Ihrem Eingangsstatement. Große Einigkeit herrschte, dass dafür beispielsweise die Abschaffung des Schulgelds für Physiotherapeuten, die nur wenige Stunden zuvor durch das Bayerische Kabinett beschlossen worden war, ein erster wichtiger Schritt sei. Die Nachricht über diese von den Berufsverbänden seit langem geforderte  Lösung auf Landesebene wurde vom Publikum und den Veranstaltern mit großer Freude entgegengenommen. Die Landesvorsitzenden von PHYSIO-DEUTSCHLAND und VPT, Markus Norys und Hans Ortmann begrüßten die Entscheidung der bayerischen Regierung ausdrücklich.


Das Argument, dass bei der Einführung der Schulgeldfreiheit darauf zu achten sei, dass daraus keine Qualitätseinbrüche im Bereich der privaten Schulen resultieren dürften, wurde aufgenommen. Die Ministerin wies darauf hin, dass die Details durch den bayerischen Kultusminister Sibler erst noch ausgearbeitet werden müssten. Auch dass der Beruf in Zukunft besser vergütet werden müsse, stand außer Frage. „Wenn man ganz ehrlich ist: überbezahlt sind Sie nicht“, räumte die Ministerin ein. Klaus Holetschek, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit und Pflege der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, machte deutlich, dass eine gute Leistung auch eine gute Bezahlung verdiene und die Kassen zudem aktuell auf einem großen Topf säßen. Ruth Waldmann,  Vorsitzende des Arbeitskreises Gesundheit und Pflege und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in Bayern, forderte in einem ersten Schritt eine bessere Ausgestaltung der ärztlichen Budgets, bevor man sich in einem zweiten Schritt Gedanken darüber machen müsse, wie sinnvoll pauschale Budgets überhaupt seien. Ulli Leiner, Sprecher für Gesundheit und Pflege von Bündnis 90/Die Grünen brachte einen weiteren Aspekt ein, indem er einwarf, dass die  Einsparungen, die sich durch erfolgreiche Prävention ergäben, den Physiotherapeuten zustünden.


Nicht ganz so einhellig waren die Meinungen, was die Ausgestaltung des Professionalisierungsprozesses für den Beruf der Physiotherapeuten angeht. Alle Politiker unterstützten die am gleichen Tag zuvor von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eingebrachte Forderung, die Blankoverordnung in die Regelverordnung zu überführen. Beim Thema Direktzugang erhoben sich aber auch kritische Stimmen. Während sich Ulli Leiner, Sprecher für Gesundheit und Pflege von Bündnis 90/Die Grünen einen Direktzugang bei bestimmten Indikationen, beispielsweise „Kreuzweh“ durchaus vorstellen kann, hält Ruth Waldmann  den „Direktzugang mit einem Federstrich“ nicht für realistisch. Klaus Holletschek möchte entsprechende Modelle für den Direktzugang möglichst bald angehen.


Auch bei der Forderung der Verbände, den Akademisierungsprozess auszubauen, wurden unterschiedliche Positionen deutlich. Die Verbände hatten auf die Empfehlung des Wissenschaftsrats aus dem Jahre 2012 hingewiesen, der eine Akademisierung von 10 – 20 % eines Ausbildungsjahrgangs empfohlen hatte. 2018 – 6 Jahre später – liegt die Quote der primärqualifizierten Abschlüsse bei lediglich 0,03 %. Die Verbandsvertreter machten deutlich, wie wichtig eine Akademisierung für die Ausbau der Forschung und die Evaluation der Behandlungsmethoden sei.  Volle Unterstützung kam hierzu von Prof. Dr. Peter Bauer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Pflege im Bayerischen Landtag. Ruth Waldmann beispielsweise forderte in ihrem Resümee, an den staatlichen Hochschulen berufsbegleitende Studiengänge einzurichten, während sich Klaus Holetschek eher vage äußerte.


Alle Fraktionsvertreter machten deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Physiotherapeut für eine gute Versorgung ist. Melanie Huml räumte ein, dass die Ärzte in ihrer Ausbildung oftmals nicht mitbekommen, wie Physiotherapeuten konkret behandeln. Auch Ruth Waldmann sagte, dass die Ärzte viel zu wenig über das wissen, was Physiotherapeuten leisten. Ulli Leiner forderte, dass Physiotheapeuten viel mehr auf Augenhöhe mit den Ärzten stehen müssten, als sie es aktuell tun und auch Klaus Holetschek möchte, dass das Know-how zwischen Arzt und Physiotherapeut verbessert wird. Konkrete Vorschläge, wie das umzusetzen ist, wurden nicht genannt. Aus dem Publikum fiel der Hinweis, dass beispielsweise in den Kliniken der Wunsch nach Augenhöhe oft schon an den Strukturen scheitert: Es gibt eine ärztliche Leitung und eine Pflegeleitung, eine Therapieleitung hingegen nicht.


Die Veranstaltung machte deutlich, dass die Probleme des Berufsstands in der Politik aktuell sehr präsent sind. Markus Norys und Hans Ortmann gelang es, die wichtigsten Baustellen aus Sicht der Berufsverbände  - die bereits beschlossene Schulgeldfreiheit, eine zügige Aktualisierung des Berufsgesetzes und der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, den Ausbau der primärqualifizierenden Akademisierung, die Schaffung des Direktzugangs, eine dauerhaft bessere Vergütung sowie den zwingenden Abbau der Bürokratie – aufs Tablett zu bringen und die Argumente zu vermitteln. Das parteiübergreifende Bekenntnis, den Berufsstand dauerhaft aufwerten zu wollen, macht Hoffnung. Dass den Worten auch weitere Taten folgen, wird vorrangiges Ziel in der Arbeit der Berufsverbände bleiben. Eine wichtige Voraussetzung, um hier erfolgreich zu sein, ist es, möglichst stark aufzutreten und mit einer Stimme zu sprechen. PHYSIO-DEUTSCHLAND und VPT haben mit ihrer gemeinsamen Veranstaltung ein entsprechendes Zeichen gesetzt. Der große Dank geht an alle, die mit ihrer Verbandsmitgliedschaft diese Arbeit unterstützen.

 

Wir bedanken uns weiterhin sehr herzlich beim VPT Bayern, der die Veranstaltung mit uns gemeinsam getragen hat, bei der Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, die mit ihrer frohen Botschaft über den Kabinettsbeschluss zur Schulgeldfreiheit für einen hervorragenden Auftakt sorgte, sowie bei den Fraktionsvertretern Klaus Holetschek (CSU), Ruth Waldmann (SPD), Prof. Dr. Peter Bauer (Freie Wähler) und Ulli Leiner (Bündnis 90/Die Grünen)!